Tagträumer
Freitagabend, 19.30 Uhr . Berliner Stadtautobahn Höhe Bahlsen-Fabrik. Normalerweise riecht es hier nach Spekulatius. Gibt es eigentlich Osterkekse? Im Autoradio läuft Jazzradio. Gerade Mama und Tochter in der West-Platte Gropiusstadt abgeliefert. Mama wohnt da! Warum nur ? Ach... Diese Aussicht! Rechts liegt der Flughafen Tempelhof. Im Dunkeln. Mit blauen Positionslichtern. Verteilt über das ganze Flugfeld. Die Leitplanke zischt nebenher. Und da ist sie auch wieder. Immer wenn ich hier lang fahre, kommt mindestens eine. Eine von diesen unförmigen Dingern, die ich nur von aussen kenne. Zerkratzte Scheiben . In ihrem Bauch Leute, die nur nach Hause wollen. So scheint es. Das Tacho zeigt 110. Es scheint, als würde ich neben der S-Bahn stehen, und die Welt fliegt an mir und ihr vorbei. Den ganzen Weg. Bis zur Ausfahrt Tempelhofer Damm. Doch da ist wieder einer von denen, die einen zurück holen. Mit einem CB-Kennzeichen. Kennt sich hier nicht aus! Ist nicht schlimm. Aber braucht der wirklich zwei Fahrspuren. Danke! Ich wäre sonst auch abgehoben.
Der Esso-Tiger!
Sonnabend, 9.15 Uhr. Der Esso-Tiger! Sitzt einfach nur da. Mindestens drei Meter hoch . Die Katzenpfoten am Dachrand, tront er mit Blick auf das Tempelhofer Feld. Das kleine Zickenbärtchen weht im eisigen Wind. Sieht aus, als wären es Eiszapfen . Den Nacken fest verzurrt, als könnte er aufspringen. Auf alle losgehen. Was Raubkatzen halt so machen. Natürlich nur, wenn sie nicht gerade rumsitzen. Viele von ihnen sitzen tausendfach als Plüschversion in Kinderzimmern. So vielleicht auch bei den frechen Jungs aus der Vorschulklasse meiner Tochter. Die, die immer meine Tochter abknutschen wollen. Nächstes mal, wenn die wieder frech sind, drohe ich einfach mit dem Tiger! Nicht das er sie fressen soll. Nein. Davor hätten die sowieso keine Angst. Die sollen einfach nur in ihrem Zimmer sitzen. Der Tiger steckt seinen labbrigen und schlaffen Kopf zur Tür herein. Dann frage ich, ob sie in Zukunft artig sein werden. Hämisches Gekiecher und schnippige Antworten folgen. Natürlich. Dann lasse ich den Kompressor an. Hä, hä,hä. Wollen wir doch mal sehen wer hier die besseren Argumente und mehr Luft hat! Langsam kommt der Tiger näher. Wird grösser und grösser. Zwischenzeitlich wird seine Schädeldecke noch als Hüpfburg missbraucht. Diese kleinen Teufel! Dann aber, als sie zum x-ten mal gerade über seine Nase gerutscht sind, im Rücken den Zickenbart, und vor sich die Fensterscheiben, gehe ich nach draussen. Stelle mich ans Fenster. Schaue mir das Spektakel vergnüglich an. Wie ihre frechen Münder, kleinen Nasen und roten Ohren an der Fensterscheibe plattgedrückt werden. Von meinem Tiger. Und jetzt rufe ich ihnen zu: „Na, wollt ihr jetzt endlich artig sein?“ Ein wenig steht ihnen die Panik im Gesicht. Sie nicken. Soweit sie sich bewegen können. Ich bin hier jetzt mal der Hans Dampf. Der mit der meisten Luft. Kann Grimassen schneiden. Lange Nasen machen. Vergnügt vor der Scheibe rumhüpfen. Wieder ein frecher Junge sein. Ach, irgendwie kann ich die kleinen Kerle auch verstehen. War ja auch mal so. Trotzdem! Jetzt aber Luft ablassen. Will keinen Ärger. Auch nicht mit meinem Tiger. Eingesperrt in einem kleinen Zimmer. Ohne Aussicht. Die Augen gequetscht im Regal und in der Schrankwand. Da oben, da wo die Staubflusen liegen. Ach Tiger. Bleibe lieber wo du warst. Auf der Tankstelle.
Donnerstagmorgen
Kreuzberg, Gneisenaustrasse Ecke Solmsstrasse. Das Gute alte „61“. Auf dem Weg zur Arbeit. Natürlich mit dem Auto. Achtung: Ureinwohner von links auf dem Fahrradstreifen kreuzt den Weg! Nennt man den etwas grauen, zotteligen, mit einem Bundeswehrparka bekleideten Mann eigentlich einen Eingeborenen? Wahrscheinlich eher ein zugereister Altachtundsechziger. In den Sechzigern nach Berlin gekommen. Als könnte es klischeehafter nicht sein, auf einem runtergekommenen Holländerrad mit Gepäcktaschen, die bestimmt schon in der Toskana waren. Mitsamt Rad. Und - oh mein Gott - er trägt einen Orden! Jedenfalls einen der seine Generation auszeichnet. Zeichnet? Einen Anti-AKW(Atomkraftwerk)-Button! Gibt’s die noch zu kaufen? Oder ist das etwa ein Original? Oder ist der etwa original nachgemacht? Aus der Zeit, als mein Vater und ich 1981 auf unserem Balkon in der Solmsstrasse standen. Wir lachten Tränen, was übrigens auch am Tränengas lag. Als wir sahen, wie eine Hausbesetzerdemo die Gneisenaustrasse Richtung Südstern gejagt wurde, um kurz darauf in Gegenrichtung die Bergmannstrasse runterzurennen. Immer die wütende Polizei im Nacken. Und mein Vater und ich - Tränen in den Augen. Na jedenfalls, so einer wird das sein. Sonne im Herzen, und Glatteis unter dem abgefahrenen Profil. An der nächsten Kreuzung bin ich vor ihm an der Ampel. Träum mal wieder vor mich hin. Von besseren Zeiten und so. Und der sympathische ältere Herr mit Button anscheinend auch . Sitzblockaden, Häuserkampf, Mieterplenum, Demos, Foodkorp, Flugzettel, eben auf dem Weg in ein besseres Leben. Auf dem Weg in die Sonne. Ins Licht. In das Licht was uns alle früher oder später erwartet. Ihn wahrscheinlich schneller als andere. Und das liegt nicht an seinem fortgeschrittenem Alter. An dieser Ampel hatte er noch Glück. Aber an der nächsten kann es schon vorbei sein. Wenn er weiter in diesem Tempo bei Rot über die Kreuzung fährt!
Bauhaus
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